Veganismus: Plötzlich schön, stark und eins mit der Natur?

Ich habe neulich ein Gespräch mit einem Freund geführt, der sich seit einiger Zeit vegan ernährt. Da ich ihn schon seit einigen Jahren kenne und seine Ernährungsumstellung für mich relativ plötzlich kam, wollte ich natürlich wissen, ob es einen konkreten Auslöser für die Umorientierung gegeben hat. Das habe es nicht, sagte er mir, er habe ohnehin schon eine Zeit lang vegetarisch gelebt und sich durch den Zuwachs an Informationen über die nicht artgerechte Massentierhaltung und medizinischen sowie ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen letztendlich zu diesem Schritt entschlossen. Zusammengefasst seien es gesundheitliche, leistungssteigernde und ethisch-moralische Gründe, die ihn überzeugt hätten.

Sofort schoss mir das wohl am weitesten verbreitete Argument durch den Kopf, mit dem sich die Omnivore dieser Welt sofort zur Wehr setzen: Der menschliche Organismus ist doch für den Konsum tierischer Produkte, speziell von Fleisch, gemacht. Das Opfer, das ein Allesesser zugunsten einer tierfreien Ernährung oder sogar Lebensweise bringen müsste, schien mir einfach zu groß. Hinzu kämen der Spott und die Verachtung, die Veganern immer noch entgegengebracht werden…

Während mein Bekannter weitersprach, hörte ich plötzlich vor allem eins heraus: Er führt kein veganes Leben, um Aufmerksamkeit oder Ansehen zu erlangen. Er verurteilte nicht einmal diejenigen, auf deren Speiseplan Fleisch großgeschrieben wird. Mir wurde bewusst, dass er es quasi heimlich, in jedem Fall aber nur für sich selbst, tat. Leben und leben lassen.

Apropos „leben lassen“… Im Gegensatz zu Vegetariern, die in den meisten Fällen nur keine Nahrungsmittel essen, die von getöteten Tieren stammen, meiden Veganer entweder alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs, oder gehen sogar einen Schritt weiter, indem sie auch keine Kleidung oder Kosmetikartikel verwenden, die tierische Bestandteile enthalten. Dienen soll das Ganze dem Wohl der Tiere, des Klimas, der Umwelt und natürlich der Gesundheit.

Seit Donald Watson den Trend in den 40er Jahren in England etablierte, wo er übrigens noch verbreiteter ist, als bei uns, steigt auch die Bereitschaft der Deutschen zu dieser Umstellung seit 2013 stetig an. Die Vorteile liegen auf der Hand: Neben den bereits genannten Beweggründen ist es vor allem das reinere Gewissen, das Veganer haben, da sie nicht das Leid von Lebewesen unterstützen. Darüberhinaus seien alle lebensnotwendigen Nährstoffe auch über Pflanzen einnehmbar, was den positiven Effekt mit sich bringt, dass Veganer keine Krankheiten oder Antibiotika zu sich nehmen, die in tierischen Produkten oft noch enthalten sind.

Lediglich auf eine Vitamin B12 Zufuhr, die wichtig für die Zellteilung und Blutbildung sowie die Funktion des Nervensystems ist, sollte bei einer veganen Ernährung geachtet werden. Im Unterschied zu anderen B Vitaminen kommt Vitamin B12 in Pflanzen nur in sehr geringen Mengen vor. Vitamin B12 ist für alle, die keine entsprechenden Präparate einnehmen möchten, natürlich in Chlorella, Spirulina, Miso und Nährhefe enthalten.

Anti Ausbeutung, Anti Grausamkeit, Anti-Biotikaresistenzen und pro tierfreie Alternativen für Jedermann – trotzdem brauchen viele Überzeugte oft mehrere Anläufe, um sich auf die neue Lebensweise einzustellen. Das hat vor allem auch den Grund der körperlichen Umgewöhnung nach achtzehn, dreißig, vielleicht vierzig Jahren des Omnivorismus. Doch die vielen Langzeiteffekte gepaart mit aufregenden, leckeren Lebensmitteln sollten die Umstellung definitiv leichter machen: Mehr Ballaststoffe, Magnesium und Vitamin E bei gleichzeitig weniger Cholesterin und gesättigten Fettsäuren weisen Untersuchungen an Veganern nach. Außerdem verhilft ihre Ernährung ihnen zum derzeit niedrigsten durchschnittlichen BMI, einem niedrigeren Blutdruck und einem geringeren Risiko für Herzerkrankungen. Nachvollziehbar, bei dem ganzen Gemüse und den Exoten, auf die einen der fleischlose Erfindergeist plötzlich aufmerksam macht.

Klar, das Klischee, dass die betreffenden Personen an Mangelernährungserscheinungen leiden würden, wird sich wahrscheinlich auf ewig hartnäckig halten. Und natürlich sind Fleisch, Fisch & Co. die Calcium-, Eisen- und Proteinlieferanten schlechthin, allerdings haben die hellen tierfreien Köpfchen hier schon längst vorgesorgt und über Jahre hinweg Gerichte und Lebensmittel auserkoren, die ihnen die zu kurz kommenden Nährstoffe auf anderem Wege liefern. Vier kleine Appetizer zum Mund wässrig machen:

Erdnussmus, ein vielseitiger und sättigender Fettlieferant, der auch den Proteinhaushalt auffüllt. Laktose- und glutenfrei macht sich das Mus perfekt in unzähligen Speisen und punktet mit einer Menge Vitaminen. Schon zwei Esslöffel pro Tag genügen.

Sonnenblumenmehl, ebenfalls glutenfrei und die perfekte Basis für Kekse, Kuchen und Muffins. Das Beste dabei: Dieses Mehl ist ganz einfach selbst zu machen! Natürlich kommen auch alle anderen Mehle aus der Nuss-Verwandtschaft zu diesem Zweck infrage. Nussmehle sind übrigens eine gute Eiweißquelle, zum Beispiel für Menschen, die kein Soja vertragen.

Hanfprotein, so nahrhaft, dass man monatelang nur von ihm leben könnte, ohne Nährstoffmängel zu erleiden. Hanf kann man als Samen knabbern oder als Pulver in Shakes oder Teige mischen. Auch er ist eine einmalige Proteinquelle, die Muskeln und Gehirn schützt, ohne beispielsweise die Verdauung zu belasten. Nicht ganz günstig, aber sein Geld absolut wert.

Es soll mal wieder eine Bolognese oder ein gutes Chili con Carne sein? Warum nicht gleich eine ganze Frikadelle – rote Linsen und Couscous machen möglich, wessen schweren Herzens abgeschworen wurde. Die Linsen und der Grieß machen zuverlässig satt und spenden reichlich komplexe Kohlenhydrate bei sehr niedrigem Fettgehalt. Auch sie liefern dem Körper Protein und lassen tierische Quellen mal eben so in Vergessenheit geraten.

Und für alle, die denken, backen ohne Eier würde nicht funktionieren: Apfelmus oder Bananen können eine gute Alternative sei. Da ich Käse über alles liebe, war ich hier auch auf andere Optionen sehr gespannt: Laut meinem Bekannten gebe es nicht nur veganen Käse zu kaufen, ebenso sei es möglich, mit Chashewkernen, Hefeflocken, Zitronensaft, Wasser und Weißweinessig eine super käseartige Masse zu produzieren.

„Ich bin fitter, weniger müde, weniger aufgebläht und habe schönere Haut bekommen. Ich fühle mich insgesamt einfach wohler in meinem Körper, als noch zu Fleischzeiten“, schließt mein Bekannter seine engagierte Berichterstattung ab. Reflektiertes, wertschätzendes Essen sei der Schlüssel. Man dürfe durchaus gerne Fleisch verzehren, jedoch einfach seltener und qualitativer. Mit dieser kaum merkbaren und sofort umsetzbaren Modifikation wäre schon eine Menge erreicht. Sowohl für die (Um-)Welt, als auch für den eigenen körperlichen Mikrokosmos. Wer einmal gezielt darauf achtet, wie viel Fleisch er tatsächlich in einer normalen Woche zu sich nimmt, bemerkt vielleicht, dass die Kluft zwischen jetzt und einem bewussten „bewussten Leben“ möglicherweise gar nicht so groß ist. Neugierig? Einen Versuch ist es wert!

Auf Ihr Wohl!

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