Sind Sie ein Smombie? Ein Denkanstoß…

Dreiundfünfzigmal am Tag tun wir es angeblich, also im Durchschnitt alle achtzehn Minuten, was insgesamt zweieinhalb Stunden unseres Tages ausmacht: unser Smartphone benutzen. Als ich diese Statistik gelesen habe, habe ich sofort nach einem Vergleich gesucht. Blinzeln tun wir öfter, nämlich ungefähr alle sechs Sekunden und somit über vierzehntausendmal am Tag! Gähnen? Das tun wir seltener, phasenweise sogar gar nicht. Schlucken vielleicht? Das steht mit zweitausend Malen in etwa mittig zwischen Blinzeln und Gähnen. Während es sich in all diesen Fällen aber um wirkliche, physiologische Reflexe handelt, ist die Abhängigkeit von unseren mobilen Endgeräten antrainiert – und keinesfalls überlebensnotwendig. „FOMO“ (fear of missing out) wird der künstliche Instinkt genannt, der sich aus pathologischer Neugier nährt.

Aber ist diese Entwicklung wirklich neu? Voyeurismus, Reality Soaps, Klatsch und Tratsch – egal, aus welcher Perspektive man diese Frage beleuchtet, der Mensch scheint das Privatleben anderer zu lieben. Der andere wiederum liebt es, sich der Öffentlichkeit minutiös preiszugeben. Eine klassische Win-Win-Situation nennt man so etwas wohl. In manch einer Diskussion wird das Ganze mal wieder mit der Steinzeit begründet, in der es überlebenswichtig gewesen ist zu wissen, was in sozialen Gruppen vor sich ging. Von Instinkten und ununterdrückbaren Reflexen ist auch in diesem Zusammenhang die Rede. Und wenn man sie sich so vorstellt, die Smombies, die Smartphone-Zombies, dann ist diese Behauptung auf einmal gar nicht mehr so abwegig. Kaum eine Person im „Ruhezustand“, also sitzend oder zumindest auf der Stelle stehend, zückt nicht sofort gedankenlos ihr Smartphone, um… Um was eigentlich? Um auf die Uhr zu sehen, um seit dem letzten Mal eingegangene Nachrichten zu überprüfen. Um verunsichertes Herumstarren in der Gegend zu vermeiden…

Fakt ist, das Bimmeln, das Vibrieren oder das Aufleuchten unseres Smartphones macht uns augenblicklich nervös, weil wie gesagt neugierig. Kaum besteht die Möglichkeit, eine Nachricht oder einen Like bekommen zu haben, blenden wir unsere Umwelt aus. Gut und gerne darf hier von „Besessenheit“ gesprochen werden, die im täglichen Leben schnell zu einem echten Unfallrisiko werden kann. Nach den USA, China und Belgien, in denen man sich zu speziell angelegten Fußwegen für Smartphone-User gezwungen sah, findet man inzwischen auch in Köln Hinweise auf dem Boden, die Fußgänger trauriger Weise auf gefährliche Stellen wie Bahnsteige oder Kreuzungen aufmerksam machen müssen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keineswegs von der Sorte, die wieder zurück in die Zeit möchte, zu der es allenfalls Festnetztelefone oder Briefverkehr gab. Die neuen Medien vereinfachen unser Leben und lassen es zu, viele Dinge, die für uns essenziell sind, zu vereinen. Sowohl Jobanforderungen als auch Karrierevorstellungen haben sich gewandelt, gleichzeitig sind wir aber nach wie vor geprägt von unseren sozialen Bedürfnissen, die mindestens in gleichem Maße zu unserer seelischen Gesundheit dazugehören. Ich behaupte, dass sich – wenn überhaupt – nur ein Bruchteil an Menschen die Zeit nimmt, sich nach einem acht-Stunden-Arbeitstag, den Einkäufen, ein bisschen Haushalt und eigenen Bedürfnissen wie Sport hinzusetzen, eine Telefonnummer zu wählen und stundenlang mit seinem Gegenüber zu reden. Heute haben wir den Luxus, während des Einkaufens nachfragen zu können, wer gleich beim Sport dabei ist.

Das, wovon ich rede, soll sich anhand eines Onlinetests messen und kategorisieren lassen: wahrhafte Smartphone-Sucht, wenn auch noch nicht anerkannt diagnostiziert, die den User dazu zwingt, seine Mahlzeiten jedes Mal erst zu fotografieren, bevor er sie zu sich nimmt. Der Teufelskreis aus dem sofort Antworten, weil die anderen es schließlich erwarten, und dem Erwarten, weil die Antwort schließlich immer so schnell kommt. Smartphone-addiction.de wertet anhand Ihrer Angaben aus, ob Sie Ihr Handy im Vergleich zu anderen freiwilligen Teilnehmen überdurchschnittlich oft benutzen. Laut den Betreibern sei aus wissenschaftlicher Sicht unklar, ob es sich bei Smartphone-Sucht um gesundheitsrelevantes Verhalten handelt. Berücksichtigt man jedoch, welche Gemütszustände User in anderen Umfragen melden, erinnert der Symptomkatalog sehr wohl an, sagen wir, etwas Ungesundes. Die Betroffenen fühlten sich nach oder während der Benutzung Ihres Handys unproduktiv, unglücklich, reizüberflutet, dem Druck der ständigen Erreichbarkeit ausgesetzt und von Neid und Minderwertigkeitsgedanken belastet.

Gerade über Letzteres lohnt es sich, einmal in Ruhe nachzudenken. Während Männer statistisch gesehen nämlich eher von Spielen Gebrauch machen, sind Frauen überwiegend dem sozialen Austausch unterworfen, wobei „Austausch“ im Zusammenhang mit dem stillen Vergleich mit vermeintlich besser situierten Menschen keine glückliche Wortwahl darstellt. Versuche und Ratschläge dem entgegenzuwirken sind deshalb schon weit verbreitet. Als Kontrahent zu „FOMO“ existiert die Bewegung „JOMO“ (joy of missing out), also die Freude daran, auch mal etwas nicht mitkriegen zu müssen. Damit kann ich mich identifizieren.

Bei aller Begeisterung bleibt die Frage, warum ich/ warum wir es dann nicht einfach öfter tun. Das Display auf Graustufen stellen (das soll den Spaß am Draufgucken nehmen), das Smartphone wieder durch handelsübliche Wecker, Armbanduhren und stilechte Festnetztelefone ersetzen, Apps und Whatsapp-Gruppen ausmisten… Oder das Gerät einfach mal zu Hause vergessen – ist mir passiert, sogar vollkommen unabsichtlich. Meine Urlaubswoche in Zahlen:

Schock über das vergessene Gerät: ca. fünfzig Minuten

gedankliche Umstellung auf meine Handyfreiheit: etwa ein halber Tag.

Genuss der Unerreichbarkeit (Digital Detox): acht Tage und Nächte.

die Menge an intensiven Erinnerungen, die mir deswegen aus meinem Urlaub bleibt: unbegrenzt…

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