Leinsamen – ein Traditionsprodukt

Rein optisch erinnere ich mich an Leinsamen noch aus meiner Jugend. Meine Mutter hatte immer eins dieser durchsichtigen Cellophan-Pakete im Vorratsregal stehen. Damals habe ich nicht weiter über die flachen braunen Körner nachgedacht, heute erinnern sie mich allerdings an etwas Vertrautes, Gutes, das schon immer zu unserer Küche gehörte.

„Schon immer“ ist dabei eine gar nicht so weit hergeholte Formulierung, denn die Samen der Flachspflanze sind schon seit Jahrtausenden ein traditionelles Heilmittel aus einer der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Früher wurden die Fasern des Gewächses sogar zu Stoffen verarbeitet, bis sie durch Baumwolle und Synthetikfasern abgelöst wurden. Der Anbau von Leinsamen ist jedoch recht arbeitsintensiv, sodass er sich in Deutschland innerhalb von 135 Jahren auf lediglich 3,3 % reduziert hat. Die genaue Herkunft des „gemeinen Leins“ ist bisher noch unbekannt, aber auch China, Russland und die Ukraine kultivieren Flachs bereits seit langer Zeit.

Worüber ich mir damals auch keine Gedanken gemacht habe ist, was meine Mutter mit den Samen gewollt haben könnte. Heute tippe ich, weil ich sie kenne, auf den unterstützenden Effekt von Leinsamen beim Abnehmen. Die Körner bestehen gleichsam aus fermentierten und nicht fermentierten Fasern. Die nicht fermentierten Fasern binden sehr viel Wasser und quellen somit im Magen zu einem dicken Schleim heran, der für ein lang anhaltendes Sättigungsgefühl sorgt und gleichzeitig Krankheitserreger leichter aus dem Magen-Darm-Trakt abtransportiert. Im selben Zuge nähren die fermentierten Fasern die guten Bakterien im Darm und fördern die Verdauung, indem sie das Volumen des Darminhalts durch die Wasseraufnahme vergrößern.

Leinsamen, deren wirksamste Inhaltsstoffe sich in der Schale befinden, sind in ganzen Körnern, grob geschrotet oder als Mehl erhältlich, welches sich dann gut mit anderen Mehlen mischen und wie gewohnt verarbeiten lässt. Am haltbarsten sind Leinsamen als ganzes Korn. Gemahlen fallen sie dem Oxidationsvorgang zum Opfer, außerdem beginnen die freigesetzten Fettsäuren, sich zu zersetzen, was das Mehl schneller verderblich macht. Einmal „aufgebrochene“ Leinsamen sollten Sie möglichst sofort im Kühlschrank lagern und innerhalb von zwei Tagen aufbrauchen. Ein Effekt, der schon im Zusammenhang mit Chlorella-Algen erwähnt wurde, ist der der besseren Nährstoffaufnahme durch die so genannten „aufgebrochenen Zellwände“. In diesem Fall reicht es sogar, wenn Sie die Körner erst kurz vor dem Verzehr grob mahlen.

Die Zubereitung und die Einnahme von Leinsamen sind bemerkenswert unkompliziert. Durch ihren neutralen Geschmack lassen sie sich nämlich mit allen Lebensmitteln kombinieren, auf die Sie gerade Lust haben. Allerdings enthält das Superfood sowohl Blausäure als auch Cadmium in geringen Mengen, weswegen Sie eine Tagesration von 45 g (andere Quellen nennen 20 g) nicht überschreiten sollten. Die Samen belohnen Sie dann ziemlich zeitnah – nämlich 12 bis 24 Stunden nach der Einnahme – mit einem wahren Kick aus Omega-3-Fettsäuren, den Vitaminen B1, B2, B6 und E, Eiweiß, Kalzium, Kalium, Magnesium, Zink, Mangan, Ballaststoffen und Antioxidantien. In seltenen Fällen tritt die Wirkung erst nach bis zu drei Tagen ein. Aber da Leinsamen ohnehin für den langfristigen Konsum gedacht und gemacht sind, erübrigt sich diese im Endeffekt ohnehin sehr kurze Wartezeit dann auch direkt wieder.

Die Samen der Heilpflanze bestehen übrigens fast zur Hälfte aus Fett. Leinöl kommt dabei vereinzelt sogar als schnell härtendes technisches Öl zum Einsatz oder wird als Grundstoff in der Malerei eingesetzt. Für den kulinarischen Bereich gilt: Schmeckt Leinöl bereits bitter oder riecht es ranzig, dann ist es nicht mehr ganz frisch und sollte möglichst kurzfristig aufgebraucht werden.

An Leinsamen überzeugen mich persönlich außerdem vier weitere Eigenschaften. Zum einen sind sie, wie bereits angedeutet, ein super Hausmittel und die optimale erste Anlaufstelle bei Magen-Darm-Erkrankungen. Sie ermöglichen einerseits schnelle Abhilfe bei Verstopfung & Co. (immer mindestens 1,5 Liter Wasser dazu trinken!) und stellen andererseits eine kurartige Maßnahme zum Schutz der Magenschleimhaut und -gesundheit dar. Ferner weisen erste Studien sogar auf vorbeugende Effekte der in Leinsamen enthaltenen Lingane gegen Prostata-, Dickdarm- und Brustkrebs hin. Aber auch und gerade im Alltag bewähren sich die braunen Körner in meinen Augen sehr. Neben der super einfachen Anwendung bei Reizdarm (zwei- bis dreimal täglich 1 EL Leinsamen mit 250 ml Wasser einnehmen) können die Pflanzensamen auch äußerlich als Umschlag angewandt werden. Für einen Leinsamenumschlag werden zwei bis drei Esslöffel auf ein Baumwolltuch oder eine Baumwollsocke gefüllt, mit heißem Wasser übergossen und ca. 15 Minuten quellen gelassen. Anschließend wird der Umschlag auf die betroffene Stelle gelegt und bei Bedarf fixiert. Achten Sie hier lediglich darauf, das Produkt nicht in direkten Kontakt mit offenen Wunden zu bringen.

Aufgrund ihrer gut erforschten Inhaltsstoffe gelten Leinsamen berechtigter Weise als sehr gesund. Der Proteingehalt der Körner ist mit einem Viertel sogar höher als der eines Hühnerbrustfilets. Hat Mama also schon damals mal wieder den richtigen Riecher gehabt? Oder ist sie einfach aus stetig gewachsener Überzeugung ihrer guten Erfahrung mit einem Lebensmittel gefolgt, das ihr in vielerlei Hinsicht gut getan hat? Sicher ist: Gutes setzt sich durch. Und peppt die gesunde, bewusste Küche mit einem regionalen Naturprodukt auf.

Auf Ihr Wohl!