Hormone, Heißhunger und Hüftgold

Der Körper ist so genial wie auch gemein. Dass die falsche Ernährung jedoch – ganz plakativ formuliert – hart erarbeitete und nützliche Muskelmasse in Hüftgold umwandelt, ist mir in dieser Intensität erst bewusst geworden, als ich mich mit dem Thema Heißhunger beschäftigt habe. Aus der Evolution wissen wir, dass sich der Körper in Stresssituationen instinktiv auf Flucht oder Kampf vorbereitet. Wenn wir Koffein oder Zigaretten konsumieren, kommt das so einer Extremsituation gleich und unser Körper hebt – egal wie hoch dieser bereits ist – den Blutzuckerspiegel an, um Energie für die vermeintliche Flucht zu erzeugen. Hierfür hat er üblicherweise einen kleinen Vorrat in der Leber, aber wenn dieser aufgebraucht ist (zum Beispiel nach der Nacht), greift er zuerst auf Muskelmasse zurück und wandelt diese in den sofort benötigten Zucker um. Da wir nun aber nicht wirklich kämpfen oder fliehen, stellt der Körper fest, dass er den vielen Zucker gar nicht benötigt, wandelt ihn jetzt aber in Fett um und legt dieses auf den Hüften ab.

Nichts zu essen, dafür aber zu rauchen, Kaffee zu trinken und ständig unter Adrenalineinfluss zu stehen bedeutet also, fröhlich Muskeln in Fett umzuwandeln?

Wenn wir etwas mit konzentriertem Zucker (egal ob weißer, brauner, Bio-, Frucht- oder Traubenzucker) oder stärkehaltigen Kohlenhydraten essen, dann werden diese Stärke und der Zucker sofort im Körper verdaut und heben den so genannten Blutzuckerspiegel. Wir haben also Zucker im Blut und das ist an und für sich auch gar nicht so viel. Bei einer Menge von ungefähr ein bis zwei Teelöffeln fühlen wir uns wohl, können uns gut konzentrieren und verbrennen sogar Fett. Der Körper möchte dieses Niveau also halten, wobei es über den Tag verteilt natürlich ein wenig auf- und abschwanken kann. Bei den meisten Menschen sieht der Kurvenverlauf des Blutzuckerspiegels aber extremer aus, da wir – aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit, aus Appetit oder sogar aus Sucht – erheblich größere Mengen an konzentriertem Zucker zu uns nehmen. Anstatt ein moderates Level zu halten schießt die Blutzuckerkurve also mit einem Mal massiv in die Höhe. Hiermit kann der Körper grundsätzlich gut umgehen, denn er benötigt den Zucker zum Beispiel für das Gehirn.

Diese Extreme, denen wir ihn tagtäglich aussetzen, stellen jedoch eine enorme Herausforderung für ihn dar. Im ersten Moment mögen Sie denken, dass Sie davon ohnehin nichts mitbekommen und Sie schließlich Tag für Tag „funktionieren“, aber bleibt der Zucker einmal im Blut, kann er uns tatsächlich gefährlich werden, denn er kann Gefäße zerstören. Aus diesem Grund versucht der Körper, den ankommenden Schwall an Zucker so schnell wie möglich wieder abzubauen und schickt ihn infolgedessen aus dem Blut ins Gewebe, die Muskeln und die Zellen. Diese können daraus die Energie herstellen, die der Organismus braucht. Für diesen Prozess muss das so genannte Insulin, ein Hormon, ausgeschüttet werden, das der Zelle signalisiert den Zucker aufzunehmen. Die Menge an Insulin steigt mit der Menge an im Blut enthaltenen Zucker und packt diesen so schnell wie möglich weg. Wird jedoch zu viel Insulin produziert, verbrennen wir kein Fett.

Bei eben dieser Arbeit schießt unser Körper gerne mal über das Ziel hinaus – und zwar sowohl nach oben als auch nach unten hin. Wenn der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist (wir also „unterzuckert“ sind), kann das für uns zu einer lebensbedrohlichen Situation werden. Alles was zählt ist nun, den Blutzuckerspiegel wieder in die Höhe zu treiben. Dabei schüttet der Körper zum einen Stresshormone in erheblichen Mengen aus und sorgt zum anderen dafür, dass wir bewussten Heißhunger auf Dinge kriegen, die den Blutzucker schnell nach oben bringen: Säfte, Süßigkeiten, Kaffee, Zigaretten… Heißhunger ist also vergleichbar mit dem Strohhalm, nach dem ein Ertrinkender greift und soll einfach nur möglichst schnell Abhilfe schaffen. Indem wir in solchen Situationen also völlig die Beherrschung verlieren und fast alles in uns hineinstopfen, was uns zwischen die Finger kommt, geht die ganze Blutzuckerachterbahn wieder von vorne los. Der Körper weiß auf die Schnelle nicht, wohin er den ganzen Zucker stecken soll (denn als Rohstoff ablagern kann er ihn nicht), also wandelt er ihn schnellstmöglich in Fett um und lagert ihn – vorzugsweise auf den Hüften – ab. Ein so genannter „Rettungsring“ kann also ein Anzeichen dafür sein, dass unsere Blutzuckerkurve außer Kontrolle geraten und außerdem insulinresistent geworden ist.

Es gibt doch diese Momente, in denen uns bewusst ist, dass unser Appetit gerade vielleicht irrational und das, was wir jetzt so unbedingt naschen möchten, alles andere als gesund ist. Ich selbst habe dennoch festgestellt, dass fundierte Hintergrundinformationen zu den Prozessen in meinem Körper mir enorm dabei helfen, einzuordnen, was gerade mit mir los ist. Zugegeben, ich bin nicht all zu anfällig dafür, aber ich habe zum jetzigen Zeitpunkt wirklich das Gefühl, ich könne der nächsten Heißhungerattacke trotzen. Anhand von Aha-Effekten wie diesem. Und anhand von guten Lebensmitteln, die für und nicht gegen mich arbeiten. Ich bin gespannt auf diesen Selbstversuch.

Auf Ihr Wohl!

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