Guter Stress, schlechter Stress

Aus irgendeinem Grund habe ich diese Woche über Stress nachgedacht. Finden Sie nicht auch, dass Stressempfinden in erster Linie subjektiv ist? Ich kenne Menschen, für die es das Nonplusultra ist, am Wochenende bis 13 Uhr zu schlafen und ihre Urlaube durchgehend am Strand oder am Pool liegend zu verbringen. Die anderen brauchen Action, Herausforderungen und vor allem Abwechslung. Sie erholen sich erst dann, wenn sie das Gefühl haben, genug gesehen und erreicht zu haben. Und auch im Alltag können sie erst abschalten, wenn sie das sichere Gefühl haben, die wichtigen Dinge abgehakt zu haben. Mir hat sich der Gedanke eingeschlichen, dass die Spannweite von Stressempfinden so groß ist wie selten sonst. Trotzdem interessiert es mich, ob Stress – reduzieren wir ihn einmal auf körperliche Symptome – auch schädlich sein kann, obwohl wir ihn noch längst nicht als belastend wahrnehmen.

Recherchiert man zu diesem Thema, stößt man nahezu immer und sofort auf Aussagen wie „Warum Stress krank macht“. Da wollte ich es dann doch genauer wissen… Stress gehört zu unserem Leben letztendlich dazu und ist auch hilfreich, denn er führt dazu, dass wir kurzfristig schneller und effektiver funktionieren.

Die Reaktion unseres Körpers auf Stress ist ein alter Mechanismus, der schon unsere Urahnen vor mehr als einer Millionen Jahren antrieb, um zu überleben, wenn sie bedroht waren. Als Antwort auf einen beliebigen Stressimpuls befiehlt das Emotionszentrum im Gehirn dem Körper, Stresshormone zu produzieren. Diesen Cocktail aus vor allem Adrenalin und Kortisol schüttet unsere Nebenniere aus. Als Folge steigen unser Blutdruck und unser Puls und das Blut strömt in die Muskeln von Armen und Beinen. Gleichzeitig werden unnötige Energieverbraucher wie das Verdauungssystem heruntergefahren, was erklärt, warum wir in ernsten Stresssituationen oft stundenlang ohne Nahrung auskommen können bzw. uns das Essen gerade zweitrangig vorkommt. Das ist für einen kurzen Zeitraum nicht schädlich, kann aber, wenn es länger als ein paar Stunden andauert, zu körperlichen und psychischen Erkrankungen führen.

Nach Bewältigung der Herausforderung reagiert unser Körper im Normalfall mit Entspannung, wobei der Hippocampus im Gehirn eine zentrale Rolle spielt. Er weist den Körper an, die Flut an Hormonen wieder zu zügeln. Wir fühlen uns folglich wohl und unser Belohnungszentrum signalisiert uns, alles richtig gemacht zu haben.

Der moderne Mensch hat noch die gleichen biochemischen Prozesse inne. Was Zeit- und Leistungsdruck, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und Reizüberflutung mit uns anstellen, beobachten Stressforscher heute aber mit Sorge. Sie finden erhöhte Stresshormonpegel, die gleichzeitig nicht mehr richtig abgebaut werden. Die Folge: Es bilden sich Nervenzellen im Hippocampus zurück, der ja ursprünglich die Entspannung einläuten soll. Es finden sich also immer mehr Indizien dafür, dass die eigentlich nützlichen Stresshormone uns mittlerweile krank machen. Im Vergleich zum gar nichts Essen kann Hektik nämlich auch dazu führen, dass die Ernährung völlig falsch, weil eilig, umgesetzt wird. Fast Food, fettige oder zuckerhaltige Snacks und der Verzehr „nebenbei“ führen somit zu einem weiteren Teufelskreis, der uns zusätzlich belastet und auf Dauer krank macht.

Aus diesem Grund raten sie, den Stresskreislauf so früh wie möglich zu unterbrechen, Wege zur Entspannung zu finden und sich vor allem zu bewegen. Damit knüpfen wir nämlich genau an unser evolutionäres Erbe an, denn Stress und Entspannung gehörten schon bei unseren Vorfahren untrennbar zusammen.

Das leuchtet mir ein und ich finde es nachvollziehbar, dass wir schließlich keinen Einfluss auf unsere Hormonausschüttung haben. Selbst wenn wir die Action also brauchen und genießen, kann der Körper sie schon als Ausnahmesituation einstufen und das Flucht- und Kampfprozedere einläuten. Ich denke, dass es in erster Linie auf den Ausgleich und die Häufigkeit der Stressphasen ankommt. Es geht nicht darum, sich grundlegend zu verändern oder zu unterdrücken wer man ist. Wie so oft ist es die Mischung, die es macht. Gerade auch bezüglich der Auswirkungen auf die Ernährung im 21. Jahrhundert beobachte ich mit Sorge, wie unwichtig und nahezu lästig die Nahrungsaufnahme den Menschen geworden ist.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Körper mir ganz gut von alleine zeigt, wann er genug hat und was er jetzt braucht. Dann freue ich mich so richtig darauf, nach Feierabend mal offiziell nichts mehr zu machen, mich hinzulegen und den Gedanken entweder freien Lauf zu lassen oder mich von meiner Lieblingsmusik, einem (Hör-)Buch oder tatsächlich einfach der Natur berieseln zu lassen. Dinge, die wir mit etwas Schönem assoziieren, wirken sich logischerweise positiv auf unser Empfinden aus und wirken auch recht lange nach. Ganz im Sinne der Konditionierung können wir nämlich dafür sorgen, immer ein Notfallpaket an „Schönem“ im Kopf parat zu haben, dass wir abrufen können, sobald wir das Bedürfnis haben.

Es ist für Ihren Stresslevel tatsächlich entscheidend, wie Sie mit Situationen umgehen und sie bewerten. Das heißt, Sie haben selber in der Hand, ob Sie etwas stresst oder nicht.

Ich kann von mir selbst behaupten, dass das zuverlässig funktioniert und mir für den Moment einen wahren Kick verpassen kann 😊

Was macht Sie glücklich?